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Im Netz der roten Spinne? Nicht schön, nicht geschmackvoll - aber treffend...

In einem anderen BLOG ist uns folgender Briefwechsel aufgefallen, den wir hier vollständig wieder geben.:

Die Veröffentlichung des Briefwechsel ist ausdrücklich erlaubt!

Ein Briefwechsel zwischen Frau Gigi Romeiser und Frau Prof. Dr. Gesine Schwan in 2007

Gigi Romeiser
63477 Maintal-Dörnigheim * Berliner Straße 23 * T 06181-491088 * F 06181- 4237 195 *
E-Post: Gigi.Romeiser@gmx.de

Frau

Prof. Dr. Gesine Schwan
Teutonenstr. 6
14129 Berlin

11. April 2007

Sehr geehrte Frau Professor Schwan,

schon mehrfach habe ich gelesen, sie lehnten die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen ab. „Es würde die deutschen Vertriebenen in einer Opferrolle darstellen, die nicht dem tatsächlichen Geschichtsverlauf entspricht“, werden Sie in einer AP-Meldung zitiert.

Meinen Sie das wirklich?

Das spräche für die Rechtfertigung schwerster Kriegsverbrechen und für eine erschreckende Mitleidlosigkeit diesen vertriebenen Menschen gegenüber, denen man die Heimat, Hab und Gut – einfach alles genommen hat und die auf ihren Todesmärschen unsägliches Leid haben erdulden müssen. 17 Millionen Deutsche sind vertrieben worden als Hitler nicht mehr lebte. Von Deutschland ist keine Gefahr mehr ausgegangen.  Dennoch sind sehr viel mehr Deutsche nach dem Krieg ermordet worden als während des Krieges.

Die Vertriebenen sind beraubt, gedemütigt, diffamiert, erniedrigt, mißhandelt, gefoltert, vergewaltigt, geschändet, erschlagen, erschossen und bestialisch ermordet worden. Umgekommen sind bei diesen Greueltaten vor allem Frauen und Kinder! 3,5 Millionen!
Sie meinen, dies seien keine Opfer gewesen?

• 1,4 Mio vergewaltigte Frauen und Kinder – keine Opfer?
• Kinder, die diesen Verbrechen an ihren Großmüttern, Müttern und Schwestern haben zuschauen müssen – keine Opfer?
• Blutjunge Mädchen, die auf besonders brutale Weise vergewaltigt worden sind und bei denen nicht selten Dutzende Rotarmisten Schlange gestanden haben – keine Opfer?
• Frauen, die aus Scham ein Leben lang darüber nicht haben sprechen können und zu keiner Bindung mehr fähig gewesen sind – keine Opfer?
• Menschen, die während der Vertreibung von russischen Panzern niedergewalzt worden sind – keine Opfer?
• Vertriebene Menschen, die von Tieffliegern beschossen worden sind – keine Opfer?
• Säuglinge und Kleinkinder, die in ihren Kinderwagen erfroren oder verhungert sind – keine Opfer?
• 9000 Menschen, die mit dem Lazarett- und Flüchtlingsschiff Gustloff bei der größten Seekatastrophe der Geschichte untergegangen sind,– keine Opfer? (eine Augenzeugin unter Tränen: „Auf dem Wasser trieben die Mützchen Hunderter ertrunkener Kinder“).
• Kinder, die verloren gegangen sind – keine Opfer?
• Kinder, die als Waisen zurückgeblieben sind – keine Opfer?
• Die in Berlin aus Viehlastern und Zügen entladenen toten Kinder, Mädchen und Frauen, die beraubt, geschlagen und vergewaltigt worden waren – keine Opfer?
• Die im Lager Lamsdorf in Oberschlesien bestialisch ermordeten deutschen Gefangenen (6.488 von 8.064, darunter 628 Kinder) – keine Opfer?
• Menschen, die im Mai 1945 der „Hölle von Prag“ (Ludek Pachmann) nicht haben entkommen können – keine Opfer?
• Die ermordeten Sudentendeutschen von Aussig und die Teilnehmer des Brünner Todesmarsches (eine Freundin konnte lebenslang nicht über die erlebte Pein sprechen).– keine Opfer?
• Die 265 Karpatendeutschen, die am 18. Juni 1945 aus dem Zug geholt und ermordet worden sind, darunter 74 Kinder – keine Opfer?
• Die 2000 im Juni 1945 in Postelberg (westliches Böhmen) mit teilweise bestialischen Methoden ermordeten Sudentendeutschen, darunter viele Kinder – keine Opfer?
• Benesch: “Vertreibt die Deutschen aus ihren Häusern, Fabriken und Höfen und nehmt ihnen alles bis auf ein Taschentuch, in das sie hineinweinen können!” – Die Vertriebenen keine Opfer?

Und die Welt hat zugesehen!!! Doch es hat eben nur Deutsche betroffen. Die Haager Konvention hat – Gott sei’s geklagt – für Deutsche nicht gegolten! Churchill hat erklärt: „Arbeit, Leben und Eigentum aller Deutschen stehen in der vollen Verfügungsgewalt der Sieger“.

Je länger die NS-Zeit zurückliegt, um so lauter werden die Anklagen und die Schuldzuweisungen gegen unser Volk. Und in demselben Maße sinkt die Bereitschaft unserer „Gesellschaft“ der eigenen Opfer zu gedenken. Man muß aber – so meine ich – ihrer und ihrer Not und Leiden gedenken dürfen, um ihnen ihre Würde zurückzugeben.

Victor Gollancz, jüdischer Verleger schrieb, als er die Not der Menschen in Deutschland erkannt hatte:

“Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Verbrechen als die unsterbliche Schande aller derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlaßt oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität. Die Menschen, die ich in Deutschland sah, glichen lebenden Skeletten, richtiger , sie sahen wie sterbende Skelette aus.”

Sie sprechen in Ihrem oben zitierten Satz den „tatsächlichen Geschichtsverlauf“ an. Darauf möchte ich gerne eingehen: Ich erinnere mich noch, wie sehr ich mich über eine Sendung des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens empörte, in der die Vertriebenen als die „letzten Opfer Hitlers“ verhöhnt worden sind. Diese historische Verkürzung ist ein unzulässiges Konstrukt, den Deutschen die Schuld an allen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs aufzubürden.
Jedes Verbrechen hat seine eigenen Täter; schlimm genug, daß niemand zur Rechenschaft gezogen worden ist, der an diesen unvorstellbaren Greueltaten beteiligt gewesen ist, sie angeordnet oder billigend in Kauf genommen hat.

Ihr Gedanke läßt evtl. den Schluß zu: Wer anfängt, ist an allem Schuld?

Der Luftkrieg gegen zivile Ziele hat seinen Anfang im September 1939 auf die deutschen Städte Wilhelmshaven, Cuxhaven sowie Westerland, Stettin und Sylt genommen und nicht im November 1940 auf Coventry (Ziel: Die Zerstörung der Flugzeugmotorenwerke). London ist erst am 7. September 1940 nach dem 8.(!) planmäßigen Terrorangriff auf Wohnviertel Berlins von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden!

Wir kommen also, sehr geehrte Frau Professor Schwan, mit der „Wer-hat-angefangen-Debatte“ nur zu wechselseitigen Schuldzuweisungen, daraus können keine Lehren für die Zukunft gezogen werden. Versöhnung funktioniert nicht, wenn man dem Gegner die Verantwortung für seine Taten abnimmt. Es kann auch nicht angehen, daß man die Verbrechen der anderen als Vergeltung der Taten Hitlers billigt.

Die Vertriebenen sind die Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger gewesen – und heute sind sie Opfer der Diffamierung durch unsere Medien, Historiker, Personen des öffentlichen Lebens und Politiker. Unerträglich ist, wenn Deutsche die Verbrechen der Sieger an Deutschen rechtfertigen, verharmlosen oder billigen.

Den nachfolgenden Zitaten ist unschwer zu entnehmen, welche Ziele die Sieger gehabt haben. In der Direktive JCS 1067, Ziffer 1.4b heißt es wörtlich: „Deutschland wird nicht besetzt werden zum Zwecke der Befreiung, sondern als eine besiegte Feindnation …..”
Churchills Ziel und Traum ist es schon im Ersten Weltkrieg gewesen, Deutschland total zu vernichten. Churchill im Zweiten Weltkrieg: „Sie müssen sich darüber klar sein, daß dieser Krieg nicht gegen Hitler oder den Nationalsozialismus geht, sondern gegen die Kraft des deutschen Volkes, die man für immer zerschlagen will, gleichgültig, ob sie in den Händen Hitlers oder eines Jesuitenpaters liegt.“ (Emrys Hughes: “Winston Churchill – His Career in War and Peace”, S. 145).

Ich habe Ihre Abhandlung gelesen „Ich habe einen Traum“ (DIE ZEIT 17.08.2006). Ihre Gedanken zum Tod Ihres Gatten, den ich noch gut in Erinnerung habe als Referenten beim Hessischen Elternverein vor vielen Jahren in Bad Homburg. Ihre Gedanken zum Alleinsein und zur Partnerschaft, zur Familie und zu Kindern haben  mich sehr beeindruckt.

Sie, geehrte Frau Professor Schwan, sind 1943 geboren, ich 1939. Wir haben als Kinder das Glück gehabt, diesem oben mit wenigen Beispielen beschriebenen Inferno zu entgehen. Als Familienmütter kann es uns nicht schwerfallen, dem Leid der Mütter nachzuspüren, deren Kinder erfroren, verhungert, vergewaltigt, erschlagen, gefoltert oder ermordet worden sind.

Und es kann nicht anders sein, daß wir in diesen Kindern und ihren Müttern Opfer sehen, auch wenn wir beide im einzelnen über viele Dinge sicher unterschiedlicher Meinung sind.

Mit freundlichen Grüßen
Gigi Romeiser
——-

Europa-Universität Viadrina
Postfach 1786
15207 Frankfurt (Oder)

Telefon: +49 (0)335 55 34-4421 •
Fax: +49 (0)335 5534-4305 I
E-Mail: president@euv-frankfurt-o.de

Frau
Gigi Romeiser
Berliner Str. 23
63477 Maintal

30.05.2007

Sehr geehrte Frau Romeiser,

haben Sie Dank für Ihren Brief vom 11. April 2007, in dem Sie sich zu einem Interview, das ich gegeben habe, äußern. Sie unterstellen mir nach diesem kleinen Beitrag sehr viel, und es hätte vielleicht nahe gelegen, genauer zu prüfen, was ich im Einzelnen gesagt habe. Aber ich will Ihnen noch einmal kurz erläutern, weswegen ich gegen das Zentrum, so wie es Frau Steinbach und der Bund der Vertriebenen vorsehen, spreche.

Niemand in Deutschland und in Polen wendet sich dagegen, an die Opfer dieser leidvollen Geschehnisse zu erinnern und sie zu betrauern. Das Problem beginnt dort, wo die Autoren des gegenwärtigen Konzepts damit eine Geschichtsrevision insofern verbinden, als sie die auch vom Bundespräsidenten Köhler immer wieder unterstrichene kausale Abfolge zwischen Nationalsozialismus und Vertreibung verändern. Sie bestreiten nicht – vergleichen Sie dazu bitte das Interview, das Frau Steinbach am 4. September 2006 im „Deutschlandfunk” gegeben hat -, dass die Vertreibung zeitlich nach dem Nationalsozialismus stattgefunden hat, aber sie sehen darin nur einen Anlass für Absichten, die schon vor dem Nationalsozialismus bestanden hätten und für die der Nationalsozialismus gleichsam, so die Formulierung von Frau Steinbach, lediglich die Türen geöffnet habe. Diese Verschiebung der Verantwortung und auch der Schuld ist es, die Unfrieden sät und die tief ungerecht ist gegenüber den Polen, die schließlich von Deutschland angegriffen und von denen mehrere Millionen umgebracht worden sind und nicht umgekehrt.

Ich bleibe auch dabei, dass eine Gleichsetzung aller Vertriebenen als Opfer der historischen und moralischen Bedeutung der damaligen Handlungen nicht entspricht. Es macht einen Unterschied, ob ein aktives SS-Mitglied, das Hitlers Überfall auf Polen willkommen geheißen hat, vertrieben worden ist oder ein deutscher Widerstandskämpfer.

Es wäre freundlich von Ihnen, wenn Sie den Zusammenhang, in dem meine Äußerungen stehen, genauer betrachteten.

Mit verbindlichen Empfehlungen
Professorin Dr. Gesine Schwan
———-

Gigi Romeiser
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Frau
Prof. Dr. Gesine Schwan
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5.7.2007

Im April 1950 stellte Senator William Langer vor dem US-Senat fest: ”Die Massenvertreibung ist eines der größten Verbrechen, an welchem wir direkt Anteil haben… In der gesamten Geschichte findet sich nirgends ein so scheußliches Verbrechen aufgezeichnet wie in den Berichten über die Begebenheiten in Ost- und Mitteleuropa. Schon 15 bis 20 Millionen wurden von den Stätten ihrer Vorfahren entwurzelt, in die Qual einer lebendigen Hölle geworfen oder wie Vieh über die Verwüstungen Osteuropas getrieben. Frauen und Kinder, Alte und Hilflose, Unschuldige und Schuldige wurden Greueltaten ausgesetzt, die noch von niemandem übertroffen wurden.”

Sehr geehrte Frau Professor Schwan,

für Ihren mehr als enttäuschenden Brief (v. 30.5.07) auf meine ausführliche Beschreibung der Vertreibungsverbrechen (v. 11.4.07) darf ich mich bedanken. Sie wünschen die kausale Abfolge zwischen Nationalsozialismus und Vertreibung beachtet zu wissen. Aber so, wie die Abfolge von Ihnen interpretiert wird, unterliegen Sie einem Irrtum. Der Wille zur Vertreibung der Deutschen hat in Polen lange vor Hitler begonnen.

Um der Argumentation Redlichkeit zu verleihen, darf man nicht ausschließlich den Blick auf 1939 richten, man muß 1918 beginnen, denn nur so kann historisch korrekt – nicht politisch korrekt – diskutiert werden!

Ihre verantwortungsvollen Posten als Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), als Schirmfrau der Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa und als Mitglied im Kuratorium des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland müssen für Sie Verpflichtung sein, die durch die Öffnung vieler Geheimarchive inzwischen vorliegenden Fakten weiterzugeben.

Sie haben Geschichte und Politikwissenschaft studiert, Sie sind besonders legitimiert, die jungen Menschen, die hier wie dort selbst nicht schuldig geworden sind, aufzuklären, da nur dadurch eine dauerhafte Versöhnung zustande kommen kann.

Die deutsche Schuld ist hinlänglich bekannt, sie wird uns Nachgeborenen täglich vor Augen geführt, vor allem den deutschen Schülern in nahezu allen Schulfächern. Ich erlaube mir deshalb – aus aktuellem Anlaß – mich heute mit Polen zu befassen. Da Sie – gleich mir – Wert auf die kausalen Zusammenhänge legen, beginne ich mit 1918 – ja sogar 1916.

Wußten Sie, geehrte Frau Professor Schwan,

• daß am 5. November 1916 Deutschland Geburtshilfe leistete bei der Gründung eines selbständigen Polen (nach 120 Jahren)? Aus „Dankbarkeit“ besetzte Polen schon ab November 1918 die deutsche Provinz Posen.

• daß Polen 1918 die ersten europäischen KZ’s gründete und daß es ab 1944 für Deutsche im altpolnischen und im Oder-Neiße-Gebiet 1256 polnische Konzentrationslager gab?

• daß Polen seit 1918 alle Hebel ansetzte, die unter der Verwaltung des Völkerbundes stehende und zu 97 Prozent von Deutschen bewohnte Stadt Danzig zu annektieren? Und im Sommer 1939 in Danzig zunehmend provozierte, die Wirtschaft immer stärker strangulierte, die Deutschen terrorisierte und dabei keinerlei Verhandlungsbereitschaft trotz vielfältiger deutscher Bemühungen zeigte?

• daß Polen mit keinem Nachbarn in Frieden lebte? „1919 greift Polen die Sowjetunion und das inzwischen unabhängige Litauen an. Am 18. März 1921 verzichtet Rußland im Frieden von Riga auf das „Ostpolen“ seinerseits der Curzon-Linie. Es verliert damit 5 Millionen Ukrainer, 1,2 Millionen Weißrussen und etwa 1 Million Juden als Bürger seines Landes. Polen gewinnt dazu noch die etwa 1,5 Millionen Polen, die dort leben. Mit dem eroberten Gebiet liegt die neue Staatsgrenze Polens 250 km innerhalb des russischen Sprachraums. Der dritte Staat, von dem Polen Land verlangt, ist die Tschechoslowakei. Es geht um das Teschener Gebiet. In der letzten Septemberwoche 1938 läßt Polen dann ein Armeekorps bei Teschen aufmarschieren und droht der tschechischen Regierung mit Krieg. Die Tschechen…geben nach und Polen besetzt vom 1.10. das umstrittene Gebiet. Das vierte Land, mit dem Polen keinen Frieden findet, ist das Deutsche Reich im Westen. Außer Lettland und Rumänien hat Polen nun keinen Nachbarn mehr, das es seit 1918 nicht zumindest einmal angegriffen hat.“ (Quelle: Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg, der viele Väter hatte“, Teil 5, Seite 333 bis 509, 2. Auflage 2003) Hervorhebung G. Rom.

• daß Polen ab 1920 schwere Menschenrechtsverletzungen an den 11 Millionen Menschen der nichtpolnischen Minderheiten (Deutsche, Juden, Ukrainer, Weißrussen) im Vielvölkerstaat begangen hat?

• daß Polen auch die zur Minderheit zählenden 2,5 Millionen Juden als Problem betrachtete? „Die antisemitische Bewegung, wie Halecki das bezeichnet, führt dazu, daß in den Jahren von 1933 bis 1938 insgesamt 557.000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen und Zuflucht im benachbarten Deutschland suchen (von wo aus im gleichen Zeitraum 170.000 deutsche Juden ins Ausland emigrierten). Die deutschen Reichsbehörden versuchen, etwa 50.000 von diesen flüchtenden Juden wieder nach Polen abzuschieben. Die polnische Polizei verhindert die Rückkehr dieser armen Menschen und treibt sie an den Grenzen mit Bajonetten zurück zur deutschen Seite. Dies Vertreiben und dies Abweisen von Juden ist ein für Deutschland und Polen gleichermaßen zutiefst beschämendes Stück gemeinsamer Geschichte. Polen entzieht den nach Deutschland und andernorts emigrierten Juden alsbald die polnische Staatsbürgerschaft.“ (Quelle: Benoist–Méchin, Band 7, Seite 39 – zitiert Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg, der viele Väter hatte“, Teil 5, Seite 333 bis 509, 2. Auflage 2003) Hervorhebung G.Rom

• daß man in Posen 1921 auf Plakaten und Flugblättern lesen konnte: „Wer noch im Juli 1921 da ist von dem deutschen Gesindel, wird ohne Ausnahme niedergemacht, und die größten Hakatisten (Verein zur Förderung des Deutschtums) werden mit Benzin, Petroleum und Teer begossen, angesteckt und verbrannt. Jetzt kommt ihr alle dran… alle Ärzte, Pastoren, Rechtsanwälte, Domänenpächter, Ansiedler, Besitzer aller Art, wer Deutscher oder Jude ist.“

• daß am 10. April 1923 der polnische Ministerpräsident Sikorski im Posener Rathaus feststellte, daß „die deutsche Gefahr“ nicht eher beseitigt sei, als bis alles deutsche Land in polnische Hände übergegangen sei? Er sicherte zu, daß die Liquidation deutscher Güter und Industrieunternehmen rücksichtslos weitergeführt würde.

• daß am 9. Oktober 1925 in der GAZETA GDANSK zu lesen war: „Polen muß darauf bestehen, daß es ohne Königsberg, ohne ganz Ostpreußen nicht existieren kann. Wir müssen jetzt in Locarno fordern, daß ganz Ostpreußen liquidiert wird Sollte dies nicht auf friedlichem Wege geschehen, dann gibt es ein zweites Tannenberg.“ (Gemeint ist jene Schlacht von 1410, in der ein polnisch-litauisches Heer das Heer des Deutschen Ordens geschlagen hatte.)

• daß 1930 die Pilsudski-nahe Zeitschrift MOCARSTWOWIEC schrieb: „Wir sind uns bewußt, daß Krieg zwischen Polen und Deutschland nicht vermieden werden kann. Wir müssen uns systematisch und energisch für diesen Krieg vorbereiten. Die heutige Generation wird sehen, daß ein neuer Sieg bei Tannenberg in die Seiten der Geschichte eingeschrieben wird. Aber wir werden dies Tannenberg in den Vorstädten von Berlin schlagen. Unser Ideal ist, Polen mit den Grenzen an der Oder im Westen und der Neiße in der Lausitz abzurunden und Preußen vom Pregel bis zur Spree einzuverleiben. In diesem Krieg werden keine Gefangenen genommen. Es wird kein Platz für humanitäre Gefühle sein. Wir werden die ganze Welt mit unserem Krieg gegen Deutschland überraschen.“ (Hervorhebung G.Rom.)

• daß am 14. Dezember 1931 der englische MANCHESTER GUARDIAN die polnische Nationalitätenpolitik als eine „Hölle“ beschreibt? „Die Minderheiten in Polen sollen verschwinden“, so schreibt das Blatt. „Diese Politik wird rücksichtslos vorangetrieben, ohne die geringste Be¬achtung der öffentlichen Meinung in der Welt, der internationalen Verträge und des Völkerbundes. Die Ukraine ist unter polnischer Herrschaft zur Hölle geworden. Von Weißrußland kann man dasselbe mit noch größerem Recht sagen. Das Ziel der polnischen Politik ist das Verschwinden der nationalen Minderheiten auf dem Papier und in der Wirklichkeit.“

• daß 1931 der ehemalige Außenminister Dmowski den Standpunkt vertrat, daß nur die „völlige Austreibung“ der Juden aus Polen die Judenfrage lösen könne?

• daß in „Nation“, einer der bedeutendsten Zeitschriften der USA, am 2. April 1938 William Zuckermann (selbst Jude) schrieb: „In den letzten Jahren haben die Juden in Polen beinahe ständige körperliche Angriffe und Pogrome erdulden müssen…Dieser Ausbruch antisemitischer Bestialität findet nicht seinesgleichen in Europa, nicht einmal im Nazideutschland, wo trotz der gemeinen Propaganda…und der grausamen jüdischen Gesetze des Staates, das Volk selbst sich durch kein einziges antijüdisches Pogrom entwürdigt hat.“

• daß am 15. Juni 1932 Lord Noel-Buxton vor dem Oberhaus in London über eine Tagung des Rats zu diesem Thema berichtet hat? …„Vor allem wurde auf der Januar-Tagung ein Bericht verhandelt, der sich mit der sogenannten Terrorisierung beschäftigte, die im Herbst 1930 in der Ukraine stattgefunden hat…Assimilierung durch Zerstörung der Kultur ist an der Tagesordnung. …Aus dem Korridor und aus Posen sind bereits nicht weniger als 1 Million Deutsche seit der Annexion abgewandert, weil sie die Bedingungen dort unerträglich finden.“

• daß Polen unter Pilsudski ab Februar 1933(!) drei Versuche unternahm, Frankreich zu einem gemeinsam Angriffskrieg gegen Deutschland zu bewegen? Und daß der polnische Außenminister Beck sich im März 1936(!) erneut um Frankreichs Mithilfe bei einem Angriffskrieg gegen Deutschland bemühte?

• daß Polen im September 1934 einseitig den Minderheitenschutzvertrag kündigte, den es 1919 auf Verlangen der Siegermächte hatte schließen müssen?

• daß die Polen im September 1938, als Hitler Verhandlungen über die Zukunft der Stadt Danzig forderte und eine Garantie für sichere Verkehrsverbindungen ins abgetrennte Ostpreußen, die Feindschaft gegen ihre deutsche Minderheit wieder verschärfte? Terrorakte gegen Deutsche, die Zerstörung deutscher Geschäfte und Brandstiftungen auf deutschen Bauernhöfen wurden zum Pogrom. Nach der Rückgliederung des Memellandes an das Reich im März wurde die Lage der Deutschen in Polen gänz¬lich unerträglich.

• daß Polen Ausschreitungen gegen Deutsche ab Mai 1939 erneut forcierte? Auf dem Lande wurden deutsche Höfe in großer Zahl von Polen angezündet, die Bauern weggetrieben, Menschen in den Städten verprügelt, in Einzelfällen totgeschlagen. Deutsche Gottesdienste wurden so häufig gestürmt und aufgelöst, daß sich der Vatikan genötigt sah, dies bei der polnischen Regierung zu beklagen.

• daß die polnische Wochenzeitschrift NAROD W WALCE (Volk im Krieg) am 20. Juli 1939 forderte: „Danzig muß polnisch bleiben und Deutschland muß gezwungen werden, den ostpreußischen Raum ohne Bevölkerung an Polen abzutreten.“

• daß die Deutsche Reichsregierung im Sommer 1939 Auffanglager einrichten muß, um des Stromes deutscher Flüchtlinge aus Polen Herr zu werden?

• daß die Berichte über den Umgang der Polen mit ihrer deutschen Minderheit und die Schilderungen der Geflohenen Öl aufs Feuer des deutsch-polnischen Ver¬hältnisses in den letzten Wochen und Tagen vor dem Kriegsausbruch waren? Die Aus¬einandersetzung um die Zukunft Danzigs bekam so eine zweite Dimension. Mit dem Flüchtlingsstrom aus Polen kam im Sommer 1939 in Deutschland erneut Empörung über die Behandlung der Landsleute im Nachbarland Polen auf. Es zirkulierte die unheilvolle Redewendung: „Wann macht der Führer dem ein Ende?“

• daß Polen sich, „anders als von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs vorher¬gesehen und gewünscht, nicht zu einem Vielvölkerstaat nach Art der Schweiz entwickelt? Es verspielt von Anfang an die Chance, die Minderheiten in ein neu¬es Vaterland zu integrieren. …Das Bemühen, die Identität der Deutschen, Juden, Weißrussen, Litauer und Ukrainer zu zerstören, dreht Haß und Terror in einer Spirale fast zwei Jahrzehnte lang nach oben.“ (Quelle: Gerd Schultze-Rhonhof, „Der Krieg der viele Väter hatte“, 2. Auflage 2003)

• daß im Juni 1939 Marschall Rydz-Smigly vor polnischen Offizieren erklärte: „Polen will den Krieg mit Deutschland und Deutschland wird ihn nicht verhindern können, selbst wenn es das wollte.“

Eine juristische und moralische Aufarbeitung dieser unheilvollen 20 Jahre hat es bis heute nicht gegeben. Um der Redlichkeit willen darf das, was in der Zeit von 1918 bis 1939 in und durch Polen geschah, nicht verschwiegen werden.

Niemand konnte mir erklären, wie die polnische Regierung während des Europa-Gipfels im Juni diesen Jahres auf die Zahl von 66 Millionen EW kam, die sie hätten, ohne die Kriegsjahre 1939 bis 1945.

Viele allerdings konnten mir erklären, wie die Zahl von 6 Mio Opfertoten zustande kam. Im „Statistischen Jahrbuch“ Polens aus dem Jahre 1956 findet sich eine Gegenüberstellung der polnischen Bevölkerungszahlen von 1931 – insgesamt 29.892.000 EW und von 1946 mit 23.625.000 Ew. Damit hat Polen 6,2 Millionen seiner Gesamtbevölkerung verloren. Bei dieser Rechnung werden auch schon 1931 die Städte Allenstein, Danzig, Köslin, Stettin, Grünberg, Breslau und Oppeln zu Polen gezählt, wo zu dieser Zeit 8.353 Millionen Deutsche lebten und nochmals 267.251 Deutsche in Danzig. Bei den Zahlen von 1946 fehlen schließlich 3.378 Millionen Deutsche, die bis dahin geflohen, vertrieben oder ermordet worden waren, und auch die Opfer Stalins, dessen Truppen am 17. September 1939 Polen angegriffen hatten.

Der Historiker, Dr. Alfred Schickel, dazu: „Eine solche Rechnung ist nicht nur fehlerhaft, sie verletzt auch die an anderer Stelle gewürdigte moralische Kategorie, wenn die um Haus und Hof gebrachten heimatvertriebenen Ostdeutschen dann auch noch als statistisches Material der Vertreiber hergenommen werden.“ (Hervorhebung G.Rom)

Die Ausführungen beweisen, daß das Verbrechen der Vertreibung nicht durch Hitler verursacht, sondern lange vor ihm geplant worden ist.

Mit freundlichen Grüßen
Gigi Romeiser
——————-

Gesine Schwan beantwortete den Brief nicht mehr.

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